Zuschauer 2.0

Stadion am Europakreisel

Stadion am Europakreisel – mal wieder nicht ausverkauft…

Vor ein paar Wochen habe ich einen NBA Podcast gehört, indem zwei Journalisten sich über die Auswirkungen von sozialen Medien auf ihre Arbeit unterhalten haben. Früher, sagte der eine, hätte man sich auf seinen kontroversen Punkt konzentriert und diesen erklärt, heute müsse man dagegen die Hälfte der Zeit darauf verwenden seine Flanke zu decken, weil sonst der Artikel in 3 Minuten in der (Internet-) Luft reißen werde, ohne das über den eigentlichen Punkt auch nur nachgedacht würde. Ich glaube, mit einem Auge auf Hr. Rehberg schielend, da ist viel dran. Ich bin kein Journalist und mit Disclaimern beschäftige ich mich allenfalls auf der Arbeit. Wenn jemand sich auf Nebenkriegsschauplätzen austoben und mir in die Flanke treten will, soll es so sein. Meinen Punkt mache ich trotzdem: Mainz 05 hat ein Nachwuchsproblem und zwar eins, dass sich nicht auf einem Trainingsplatz oder in einem Nachwuchsleistungszentrum lösen lässt.

Rückblende zum 24.09. Zweites Heimspiel der Saison. Nach langer Sommerpause. Gegner der CL-Teilnehmer Bayer Leverkusen.  Strahlender Sonnenschein.  Exklusiver Termin am Sonntagnachmittag. 25.274 zahlende Zuschauer.  Die Zahl ist nicht prall, an sich aber auch noch nicht wirklich besorgniserregend. Doch wer vor Ort war, hat gemerkt, dass ein nicht zu verachtender Teil, dieser 25.274 Menschen an diesem Tag scheinbar etwas Besseres zu tun hatte. Ich kann es natürlich nicht beweisen – dazu bräuchte es offizielle Zahlen vom Verein -, aber wo sich sonst das Publikum auf den Treppen gestapelt hat, und zumeist erfolglos versucht wurde von Ordnern  in die eigentlichen Reihen zu pressen, stehen wir mittlerweile lässig und bequem – mit Aussicht auf seltsam viele verwaiste, rote Plastiksitze.

Im Block wird viel Gemunkelt: Eine große Gruppe hätte sich aus Q verabschiedet. Verluste im Familienblock. Dauerkarten insgesamt dramatisch rückläufig. Verschwörungstheorien von geschönten Zuschauerzahlen sind zu hören.  Davon halte ich nicht so viel. Lasst uns der Einfachheit halber annehmen, dass sowohl die veröffentlichen Zahlen, als auch das Gefühl eines substanziell leereren Stadions korrekt sind. Die logische Folge aus „etwas weniger zahlen, substanziell weniger kommen“ ist, dass eine steigende Zahl zahlender Zuschauer -überspitzt gesagt- Dinge wie den Kaffeeklatsch zum 73. Geburtstag von Tante Margot oder den monatlichen Stammtisch des Kleingartenverein Budenheims nicht mehr absagt, um ihre Dauerkarte einmal mehr ins Stadion zu bringen. Ich fasse mir da an die eigene Nase. Nicht immer, aber immer öfter geht die Familie vor. Es ist Jahre her, dass ich für die TORToUR mal einen Spielbericht über den alternativen Zoobesuch verfasst habe. Ein Extremszenario damals, kein Usus, aber -ehrlich gesagt- auch keine Rarität mehr heute. Doch woher kommt die Neupriorisierung, die offenbar weite Kreise des Mainzer Zuschauerpotenzials erfasst? Die führenden Meinung um mich rum sind:

  • No drama, no tie. Nach Jahren ohne Sorgen ist Bundesliga gewöhnlich geworden. Man kennt jeden Gegner und hat einfach nicht mehr das Gefühl etwas „einmaliges“ zu verpassen. Zusammenhalt geht verloren.
  • Mangel an Identifikationsfiguren.  Mit Soto und Heidel haben weitere Helden auf und neben dem Platz verlassen.  Nur Bungert, Bell und Malli stehen schon länger als 2 ½ Jahre im Erstligakader.
  • Imageverlust. Die Aufwandsentschädigung unseres Präsidenten und vor allem die vermeintliche Schlammschlacht in der Presse, kratzen am Bild es immer feiernden Karnevalsvereins.

Stimmt sicher alles irgendwie. Ich denke aber, entscheidend ist, dass ein großer Teil des Fanpotenzials in der Midlife-Crisis steckt. Das Publikumsinteresse in Mainz ist nicht stetig gewachsen, sondern im „Hype“ vor 15 Jahren explodiert. Aus den damals so begeisterungsfähigen und feierwilligen 20 bis 30-jährigen, die despektierlich „Modefans“ genannt wurden, sind mittlerweile Erwachsene geworden, die mitten im Leben stehen und familiären Zwängen unterliegen, und deren Kinder mehrheitlich noch nicht alt genug für einen regelmäßigen Stadionbesuch sind. Ich selbst zähle zu dieser Gruppe, und so ziemlich mein ganzes Umfeld ebenso. Ich höre einerseits „Meine Dauerkarte gebe ich nie mehr her“, andererseits „17 Bundesligaspiele sind nicht mehr drin“.  Letzteres gilt übrigens umso mehr in einem Jahr mit EL.

Die Generation „Modefan“ schwächelt altersbedingt und deren Nachkommen sind noch nicht soweit. Ein demographisches Phänomen mit der Folge eines Nachwuchsproblems auf den Rängen. Die eigentliche Frage ist: Warum hat man es in den letzten zehn sportlich so erfolgreichen Jahren nicht wirklich geschafft, die nächste Fangeneration zu binden? Möchte man böse sein, behauptet man, zu Bruchwegzeiten musste man wegen des Kapazitätsengpasses nicht, und mit dem Umzug in Coface-Arena hatte der massiv ausgebauten VIP und Sponsoring-Bereich Priorität. Offiziell auf die Agenda genommen wurde das Thema erst bei der Mitgliederversammlung vor einem guten Jahr, von Hr. Heidel, doch der ist nicht mehr da. Dass es jemand übernommen hat, darf zumindest bezweifelt werden.

In der 05MixedZone stand vor einigen Wochen, am Rande des ersten EL Heimspiel zu lesen:

“Die 05-Verantwortlichen hoffen, dass die Mannschaft über ähnliche und noch steigerbare Leistungen in den kommenden Wochen nun das allgemeine Interesse befeuert. Der Klub selbst ist jedoch nicht so ganz unschuldig an der aktuellen Situation. Die 05er twittern zwar stündlich irgendwelche Bilder und News rund ums Team, posten permanent Dinge in den sozialen Netzwerken, doch eine konzertierte Aktions-Strategie zur Stimmungsbildung und Publikumsgewinnung unter Einbeziehung lokaler und überregionaler Medien hat es in den vier Monaten Sommerpause nicht gegeben.“

Das ist völlig richtig, geht mir nur nicht weit genug. In der EL fällt die Sache besonders auf, weil nicht auf eine Basis aus 20.000 Dauerkarten aufgebaut werden kann. Das Problem ist aber ein generelles. Die Abwesenheit einer „Strategie zur Stimmungsbildung und Publikumsgewinnung“ fehlte nicht nur in dieser Sommerpause, sondern seit vielen Jahren – vom nächsten Schritt aus neuen Zuschauern auch Fans zu machen, ganz zu schweigen. Dauerhaft auf „befeuertes Interesse“ durch „steigerbare Leistungen“ zu bauen, ist kein Konzept, sondern die Hoffnung, dass sich das Problem von allein erledigt. Man kann den „Hype“ nicht ewig reiten, schon allein, weil die sportliche Entwicklung eine natürliche Grenze hat. Es braucht neue Impulse, die Zuschauer locken. Das ist die dringende Aufgabe des Vereins. Nur wer in die Nähe des Wirts kommt, kann sich auch anstecken. Das ist dann unser Job, trotz Midlife-Crisis.

 

Danke an Thierry für die Worte!